Nachhaltigkeit

ESG als Allheilmittel?

etika asbl
12. Mai 2021
Seit Jahrzehnten wissen wir, dass etwas ganz elementar falsch läuft. Aber wir nahmen es mehr oder weniger als gegeben hin, dass Unternehmen und Banken sehr einseitig nach dem alleinigen Kriterium der Rentabilität wirtschaften. Oder sagen wir: Überhaupt eine Rendite zu erwirtschaften war deutlich wichtiger als sich zu fragen, auf wessen Kosten das geschah. Im regionalen oder nationalen Kontext der Demokratien des Nordens wurde diese Freiheit noch eingeschränkt, weil negative Folgen als „Skandal“ sichtbar wurden. Dieser Problematik macht man sich heute auf allen Ebenen der Gesellschaft bewusst.

Mit der Globalisierung einher ging ein Fehlen staatlicher Regulierungen. Staaten des globalen Südens zeigten sich zu abhängig von multinationalen Unternehmen, als dass sie bei Bergbaufirmen, Einkäufern von „cash crops“ wie Südfrüchten oder Baumwolle sowie aus Europa ausgelagerten Industrien die Einhaltung von ökologischen und sozialen Mindeststandards hätten einfordern können und wollen.

Die Kosten einer nicht nachhaltigen Wirtschaftsweise hatten weder die Verursacher noch die Konsumenten zu tragen. Diese wurden „externalisiert“. Was für den produzierenden Sektor festzustellen ist, galt auch für den Finanzsektor. Nachhaltigkeit war etwas für Idealisten. Bis jetzt. Die Klima- und Biodiversitätskrise hat zu einem Umdenken geführt. Als Standard nachhaltiger Anlagen hat sich die Begrifflichkeit „ESG“ etabliert.

Was bedeutet „ESG“?

Diese drei Buchstaben beschreiben drei nachhaltigkeitsbezogene Verantwortungsbereiche von Unternehmen. Es ist ein Versuch, das komplexe Thema Nachhaltigkeit in drei Bereiche einzuteilen, um Kategorien zu haben, auf die ein verantwortlich agierendes Unternehmen Acht geben sollte:

  • Das „E“ für Environment steht hierbei z.B. für Umweltverschmutzung oder -gefährdung, Raubbau an der Natur, Treibhausgasemissionen oder Energieeffizienzthemen (Umwelt);
  • Social („S“) beinhaltet Aspekte wie Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Menschenrechte in der Lieferkette, Diversität oder gesellschaftliches Engagement (Corporate Social Responsibility);
  • Unter Governance („G“) wird eine nachhaltige Unternehmensführung verstanden. Hierzu zählen z.B. Themen wie Unternehmenswerte oder Steuerungs- und Kontrollprozesse (Corporate Governance), aber auch Fragen wie Steueroptimierung.

Was für produzierende Unternehmen gilt, ist auch von Banken oder Versicherungen zu beachten, die den Anspruch haben, nachhaltig zu investieren.

Was aber heißt es genau, ESG-Kriterien in die Anlagestrategie zu integrieren?

Es beginnt bei der Entwicklung von Anlageideen, setzt sich beim Portfolioaufbau und der Risikosteuerung eines Finanzproduktes fort und kann bis hin zur Einflussnahme auf Unternehmen und Märkte gehen. Konkret investiert werden kann

  • in die nachhaltigsten Unternehmen ausgewählter Branchen („Best-in-Class“),
  • in Unternehmen, die Lösungen für spezifische ökologische und/oder soziale Probleme bieten („Themenfonds“)
  • oder in Bereiche, bei denen positive Veränderungen der ESG-Kriterien messbar sind („Impact“).

Hierbei greifen Fondsmanager oft auf Label zurück, die bei der Auswahl von Aktien oder Anleihen die Spreu vom Weizen trennen.

Dass immer mehr Finanzakteure beginnen, ESG-Themen zu beachten, ist prinzipiell etwas Positives, wenngleich viele Akteure dies weniger aus Einsicht, denn aus Imagegründen und zur Reduzierung von Risiken tun. Sie bauen dadurch Druck auf Unternehmen auf, nachhaltiger zu werden.

Ein ähnlicher Ansatz, der diese Themen operationalisierbar macht und noch prägnanter beschreibt, sind die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs).

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Wie sieht es mit der Umsetzung von ESG-Kriterien im Finanzsektor aus?

2006 wurde das Netzwerk der Principles of Responsible Investments (PRI) entwickelt. Dabei handelt es sich um eine von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Initiative zur freiwilligen Selbstverpflichtung bezüglich der Integration von ESG-Faktoren in Investmententscheidungen und in das Management von Assets. Weltweit haben gut 2000 Banken und Versicherungen diese sechs Prinzipien unterschrieben, darunter auch Bâloise. Sie unterscheiden sich in der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens deutlich von Anbietern von Finanzprodukten, die für sich reklamieren, „grün“ zu sein, ohne dies für Laien nachprüfbar zu machen („Greenwashing“).

Institutionen der ethischen Finanz, zu denen auch etika gehört, legen dagegen großen Wert auf Transparenz und strenge Kriterien. Die Pioniere der Branche agieren seit über 40 Jahren nach strengen Nachhaltigkeitskriterien. Auch unsere Kunden werden seit bald 25 ausführlich darüber informiert, wo ihr Geld investiert wird: Bio-Bauernhöfe, Windparks, Projekte zur Unterstützung von Arbeitslosen oder Randgruppen. Das war bislang eine Nische. Konventionelle Anbieter blieben intransparent und frei von Vorgaben.

Es war daher ein „Paukenschlag“ für die Finanzwelt, als das Paris Agreement von 2015 die Entschlossenheit der Politik unterstrich, dass ein Großteil ihrer Investitionen in diejenigen Teile der Wirtschaft umgelenkt werden sollen, der CO2 reduziert. Unter Kommissionspräsident Jean Claude Juncker entstand die „Sustainable Finance Strategie“ der EU, seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen führte diese durch den „Green Deal“ fort. Ein Kernelement ist die so genannte Taxonomie, die für Transparenz und weniger Greenwashing führt. Es soll die Einsicht verstärkt werden, dass die Einbeziehung von ESG-Kriterien auch Produkte nachhaltiger macht und Unternehmen dadurch Risiken reduzieren können.

Möchte man diese positive Entwicklung kritisieren, dann müsste man darauf hinweisen, dass das „E“ noch zu dominant ist, während das „S“ und das „G“ noch weitestgehend unbeleuchtet ist. Angesichts der Dringlichkeit der Klimakrise ist das nachvollziehbar. Und man könnte sich eine konkretere Vision einer nachhaltigen Wirtschaft wünschen, statt dass nur das Unterlassen schädlichen Wirtschaftens gefordert wird.

 

Dennoch: Dieses Incentive, nicht nachhaltiges Verhalten als Risiko zu verstehen, ist ein erster wichtiger Schritt zur Internalisierung der anfangs genannten sozialen und ökologischen Folgen der Produktion. Es ist ein optimistisch stimmender Anfang auf dem Weg zur Durchsetzung des Verursacherprinzips.